Marlene

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Prolog



Prolog


Schmetterlinge. Viele Schmetterlinge. Unzählige weiße Schmetterlinge fliegen durch eine unwirkliche Landschaft aus blassen Pastellfarben. Nichts ist so, wie er es einmal gekannt hat. Das Moos, in dem er liegt, ist weiß und fühlt sich wie Watte an. Über ihm rast ein Himmel vorbei als gäbe es kein Morgen. Was Unsinn ist, denn es gibt kein Gestern und Morgen. Es gibt nur ein Jetzt, das unendlich zu sein scheint. Nur die Wolken haben keine Zeit, sie liefern sich mit den weißen Schmetterlingen ein Rennen. Der Geruch, der aus den großen Kelchen der Blumen strömt, ist eine Melange aus bitter und süß. Die blassbraunen Bäume biegen sich unter der weißen Last. Unmerklich schütteln sie sich und werfen Wattebäusche in das weiße Moos. Ständig hat er Durst. Seine Zunge fühlt sich wie Bimsstein an. Bimsstein, ein Wort, nachdem er lange hat suchen müssen. Ein schwerer Riegel versperrt die Türen zu seinem Inneren. Er schmeckt das Eisen in seinem Mund. Wenn er die Augen schließt, ist es dunkel. Da ist nichts. Einer der weißen Schmetterlinge setzt sich auf seine Nase, sodass er ihn doppelt sehen muss. Er ist so leicht, dass er ihn nicht spürt. Nur das Gefühl alles doppelt zu sehen, ist unangenehm. Das weiche Moos unter ihm gerät in Bewegung. Leichte Wellenbewegung wie zwischen den Inseln des Indischen Ozeans. Indischer Ozean, wieder ein Begriff, der durch den Schlitz einer Tür in seinem Inneren gefallen zu sein scheint. Kleine Nachrichten, die ihm guttun. Irgendetwas in mir hat mich noch nicht vergessen, denkt er und greift in Watte. Ich werde verdursten und der doppelte Schmetterling schaut mir

beim Sterben zu. Die Hände, die im weißen Moos die Watte greifen, sind zu schwer, als dass er sie heben kann, um den weißen Falter auf seiner Nase zu vertreiben. Das doppelte Lottchen, ein Kinderbuch, fällt ihm ein. Wieder eine Nachricht, die im Flur seines Inneren landet. Die Wellenbewegungen unter ihm werden stärker. Er ist so schwer, dass keine Gewalt ihn wegreissen kann. Der Schwarm der weißen Schmetterlinge wird dichter und verdeckt den rasenden Himmel fast zur Gänze. Er schließt die Augen und fällt in ein Nichts, als ob sich das weiche Moos aus Watte unter ihm geöffnet hätte. Er spürt den Luftzug rechts, links, oben, unten und die Kälte, die damit verbunden ist. Mit offenem Mund geht es in eine andere, unbekannte Welt, die zumindest Feuchtigkeit kennt. Gierig verlässt der Bimsstein seine Höhle, um ein paar Tropfen zu erwischen. Er würde alles geben für ein weiches Fell. Der doppelte Schmetterling begleitet ihn auf seiner Reise. Der große weite Teppich aus einem Schwarm aus weißen Schmetterlingen und einem rasenden Himmel wird kleiner. Bullaugen groß. Bierdeckel groß. Erst als der Himmel stecknadelgroß ist, zieht es den Schmetterling auf seiner Nase wieder nach oben. Dunkelheit. Nichts. Die Zunge hat ein weiches Fell bekommen und zieht sich in die Höhle zurück. Irgendwo ein rotes Licht, das zwischen dem Dunkeln wabert, größer und größer wird. In einer Kathedrale aus rotem flackernden Licht endet seine Reise. Nässe. Feuchtigkeit. Alles in ihm sehnt sich nach Wasser als wäre er ein Schwamm. Modergeruch um ihn herum. Als er den lindgrünen Schleim, in dem er liegt, zu greifen bekommt, und seine plötzlich leichten Hände es ihm vor Augen führen, riecht er es. Erst namenlos.

Nichts. Dann Waldmeister. Wie ist die neue Nachricht durch den Schlitz bis hier im tiefen Schlund heruntergekommen? Er weiß es nicht. Der Schmerz, den er verspürt, weil von allen Seiten etwas in ihn eindringt, kann er nicht orten. Mehr als oben, unten, rechts oder links gibt es nicht. Aber ein Schwamm hat viele Öffnungen...


...Sie schaut auf die Hände: die eine hält eine Stoppuhr, die andere hat einen Finger am Lichtschalter.

Einunddreißig Teile unterschiedlicher Größen liegen auf dem Tisch. Ihr Blick schweift über die Arbeitsplatte.

„Bist du so weit?“, fragt die Stimme.

Sie nickt stumm.

In der Dunkelheit ist nur das schnelle Ticken der Stoppuhr zu hören.

Mit geschickten Fingern setzt sie die einunddreißig Teile wieder zusammen.

„Fertig!“, ruft sie in die Dunkelheit.

Das Licht geht an.

Mit einem kleinen Lächeln betrachtet sie ihr Werk. Alle Teile sitzen am richtigen Platz.

„Neuer Rekord!“, sagt die Stimme...


...Angst, ein viel zu kleines Wort mit so vielen Gesichtern. Schweißgebadet wacht sie in der Nacht auf. Sie hat die großen Hände an ihrem Hals gespürt. Nein, das bildet sie sich nicht ein. Genauso, wie ein paar Nächte zuvor, als eine Katze über das Bett gehuscht ist, obwohl sie überhaupt keine Katze besitzt und die Fenster in der

Nacht alle geschlossen sind. Trotz Schlafmittel kann sie keine Nacht durchschlafen. Am Tag fühlt sie sich wie gerädert. Jede zufällige Berührung jagt ihr einen Schrecken ein. Gänsehaut, ein Kleid, das sie seit Wochen trägt. Tritt sie vor die Tür und atmet die Wirklichkeit ein, fühlt sie sich für einen Moment beruhigt. Spätestens auf dem Bürgersteig hört sie die Schritte, die sie verfolgen. Längst dreht sie sich nicht mehr um, das hat schon nichts in den ersten Wochen gebracht. Überquert sie eine Kreuzung, fährt mit Bestimmtheit ein Auto mit erhöhter Geschwindigkeit über die rote Ampel. Auch, dass jemand im Kaufhaus versucht hat, sie auf der Rolltreppe nach unten zu  schubsen, ist keine Einbildung. Es sei denn...   


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